kinderschutzhaus

Besuch vor Ort, Dreharbeiten im Kinderschutzhaus

Besuch vor Ort im Kinderschutzhaus. Die Anreise in den Norden Bangladeschs ist lang und mühsam. Vom nächsten Flughafen fährt man noch einmal weitere zwei Stunden durch Reisfelder und Dörfer mit wildem Verkehr. Rund um die Märkte Rikschas, hupende Busse, die aussehen, als würden sie auseinanderfallen, Fahrräder und andere abenteuerliche Gefährte, Schafe und Ziegen mitten auf der Straße – Stau in Bangladesch!


Neben warmer Kleidung – nahe der Berge ist es um diese Jahreszeit recht kühl – haben wir einen Koffer voller Geschenke im Gepäck. Wir haben uns informiert, was gebraucht wird: Malsachen und Fußbälle. Wir haben aber auch Überraschungen eingepackt, wie Seifenblasen und Gummibärchen.

Das Haus steht außerhalb einer Kleinstadt, mitten im Grünen, mitten in den Feldern, auf denen das Projekt eigenes Gemüse anbaut. Mein erster Gedanke: Ruhe und vor allem Sicherheit für die Kinder.

Wir treffen am Morgen ein. Alle Kinder haben sich gerade zur Morgenversammlung auf dem Schulhof eingefunden. Landestypisch wird erst die Nationalhymne gesungen und die Fahne gehisst, dann wird geturnt. Alle der etwa 140 Jungen machen diszipliniert mit, aber alle Augen sind voller Neugier auf uns gerichtet. Der Leiter stellt uns vor, die Jungen grinsen uns an. Einige etwas misstrauisch, andere ganz offen. „Besonders blonde Frauen sehen die Kinder hier selten!“ raunt mir Sozialarbeiter Rumi Montaz zu. Er ist der örtliche Mitarbeiter der Kindernothilfe mit Sitz in Deutschland. Er steht uns als Übersetzer, aber auch als Vermittler und Erklärer zur Seite. Am Vorabend hat er uns jede Menge erzählt, schockierende Geschichten über die Schicksale der kleinen Jungen. Er hat uns Hintergründe und auch Verhaltensregeln mit auf den Weg gegeben. Wir haben sogar eine Art Vertrag unterschrieben, den jeder Besucher und jeder Journalist vor Betreten des Kinderschutzhauses unterschreiben muss. Zur Sicherheit der Kinder. Sinngemäß steht dort, dass wir alle Rechte und die Würde der Kinder wahren, dass wir ihnen zuhören und sie respektieren, dass wir sie nicht ungefragt anfassen und ähnliches. Alles zum Schutz dieser Kinder, die in ihrem Leben schon so viele Verwundungen erlitten haben – äußerlich und innerlich. Verhaltensweisen, die für uns selbstverständlich sind, aber gut, dass jeder Besucher noch einmal darauf hingewiesen wird.

Nach dem Morgentreffen beginnen wir zu filmen. Den Schulunterricht. Erst aus einiger Entfernung. Aber die Kinder scheinen sich nicht gestört zu fühlen, sie machen einfach weiter.

In der Pause nähern sich die ersten Jungen dem Kamerateam. Kameramann Francisco lässt den ersten durch den Sucher schauen. Natürlich wollen dann alle anderen auch – wir nehmen uns gerne die Zeit. „Bitte nicht vorne die Linse anfassen.“ Erklärt Francisco: die Jungen nicken verstehend. „Wie schwer ist das Stativ?“ fragen sie. „Wofür braucht ihr die Kopfhörer?“ Immer wieder erklären wir, zeigen wir, lassen die Kinder anfassen. Für den Rest des Tages haben wir dann eine kleine wechselnde Hilfscrew um uns: Drei schleppen stolz das Stativ, abwechselnd setzen sie die Kopfhörer auf. Am Ende des ersten Tages sind wir bereits „ein Team“ mit den Kindern. Wir versuchen, Vertrauen zu schaffen, damit wir am nächsten Tag auch Interviews machen können. Wir möchten niemanden einschüchtern oder überfordern. Aber sie kommen auf uns zu. Rumi Montaz lacht: „Die Jungen fragen, wer von euch am besten klettern kann!“ Wir lassen Kamera und Equipment stehen und spielen mit allen eine Stunde auf dem Spielplatz. Anerkennend klatschen die Jungen, als Fotograf Steffen auf dem Klettergerüst balanciert. Ich schaue von einer Bank aus zu und habe plötzlich zwei der kleineren Jungen neben mir. Zaghaft grinst Maruf mich an, er ist sieben, hat gerade die ersten Zähne verloren. Ein niedlicher kleiner Junge, später erfahre ich, dass er nach seinem Leben auf der Straße als Kleinkind bereits einen Drogenentzug hinter sich hat. Unvorstellbar. Er fragt (mit Händen, mein Dolmetscher ist nicht in der Nähe), ob er meine Haare einmal anfassen darf. Natürlich darf er. Er lacht und rückt noch näher an mich. Ich schaue eine der Hausmütter fragend an, sie nickt freundlich mit dem Kopf und so lege ich vorsichtig meinen Arm um den Siebenjährigen. Wie eine Katze kuschelt er sich an mich. Und von da an habe ich stets eine Traube von kleinen Jungs um mich, an meiner Hand oder im Arm. Maruf aber immer in erster Reihe!

Wenn man sich nach Schulschluss umschaut, merkt man, dass es auch das ist, was diese Kinder brauchen. Klar, ein Bett, genug Essen und Schulbildung, aber auch Geborgenheit und Liebe sind extrem wichtig. Das, was diese Kinder im Kleinkindalter fast alle nicht hatten. Und die Hausmütter wissen das und sind gerne für die Kinder da. Lebuna Begum erzählt: „Ich behandele sie alle wie meine Kinder. Nur eine Grenze gibt es: Ich lasse sie nachts nicht in mein Bett!“ Sie lacht: „Es sind einfach zu viele! Sie würden alle kommen und kuscheln wollen, aber ich muss mich um 20 Kinder kümmern! Dafür ist mein Bett zu klein. Aber mein Herz ist groß!“ Gerne nutzen die Kinder aber die Gelegenheit auch mit uns zu kuscheln und zu toben.

Es ist kein normaler Dreh, an dem man seine Arbeit professionell erledigt und nach Hause geht. Als wir am nächsten Tag mit den Interviews der Kinder beginnen, sind wir alle geschockt und gerührt. Kleine Jungen, die noch Kinder sind – mit Zahnlücken und Piepsstimmchen – erzählen mir, dass sie bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt wurden, dass ihre Eltern sie mit vier Jahren aus dem Haus geworfen haben, dass sie auf der Straße gelebt und nur mit Mühe überlebt haben.

Manchmal frage ich Rumi Montaz, unseren Übersetzer, ungläubig zurück: „Wirklich? Übertreibt dieser Junge jetzt oder war das wirklich so?“ Aber jedes Mal nickt er ernst: „Alles wahr und sicher noch schlimmer.“

Die Kinder zeigen mir ihre Narben und Verletzungen. „Hier, guck mal!“ sagt der kleine Samuel und zeigt mir seine Arme – als ob er spürt, dass ich diese schlimmen Geschichten kaum glauben kann: „Hier siehst du die Narben. Hier haben wir uns immer aufgeritzt, damit der Schmerz des Ritzens den Schmerz des Hungers und unsere Angst übertönt.“ In solchen Momenten ist es schwer professionell und nüchtern zu bleiben.

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Wir sprechen als Team am Abend immer über alles Erlebte und ich denke, wir haben in diesen Tagen einen guten Weg gefunden, unsere Arbeit zu machen und den Kindern nahe zu kommen. Wir spüren, dass sie uns akzeptieren. Wir wollen sie ja nicht vorführen, sondern ihre Geschichten filmen, damit die Menschen in Deutschland sehen können, wohin das gespendete Geld geht und wie dringend weitere Schutzhäuser gebraucht werden. Für diese Kinder und für ihre Zukunft.

Ein Junge, der nicht gefilmt werden wollte, folgte uns aber auf Schritt und Tritt. An einem Tag schenkte er mir einen bunten Glitzerstift. Seinen einzigen. Ich merkte, ich muss dieses Geschenk annehmen. Und von da an schrieb ich alle meine Notizen in Glitzerschrift – und der Junge strahlte.

Es war ein ganz besonderer Dreh, obwohl wir als Team schon viele Kinderprojekte gesehen haben, schon viel in Asien gereist sind. Besonders aber auch, weil das ganze Projekt uns überzeugte. Auch wenn die Kameras aus waren, hörten die Betreuer nicht auf nett zu sein, hörten die Hausmütter nicht auf, mit den Kindern zu kuscheln und die Lehrer spielten weiter Volleyball in ihrer Freizeit.

Zum Abschied nach fünf Tagen wollten wir eigentlich allen etwa 140 Kindern in der Gruppe zuwinken, aber einer begann mich zu drücken und sogar zu küssen. Und dann endete es, dass jeder von uns jedem Kind einzeln Auf Wiedersehen sagte. Auch die Männer im Team hatten heimlich Tränen der Rührung in den Augen. Schweigend saßen wir dann auf dem Rückweg alle im Teambus und hörten noch hinter der Kurve das laute „Bye bye!! Come back! We love you!“

Die Bilder, die uns die Kinder zum Abschied gemalt haben, hängen nun alle in unserem Büro.

Mehr als 1,1 Millionen Kinder leben in Bangladesch immer noch auf der Straße. Dieses neue Haus, was dank Procter & Gamble und REWE gemeinsam mit der Kindernothilfe gebaut wird, ist ein Schritt zur Rettung weiterer Kinder, tatsächlich ein Stück zum Glück. Davon konnten wir uns vor Ort überzeugen.

Christina Grawe

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