Mutter und Sohn Mutter und Sohn Mein Kind ist durchschnittlich!
Sehr gut!

Eine Mutter hat sich entschlossen, ihren Sohn nicht gegen seinen Willen zu fördern. Aber das war ein langer Weg.

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So gelingt die Arbeitsteilung

Neulich kam mein 9-jähriger Sohn Emil aus der Schule und schaute mich mit seinen großen, dunkelbrauen Augen enttäuscht an: „Mama, es hat wieder nicht für eine Zwei gereicht. Und dabei haben wir doch so viel geübt.“ Na ja, um ehrlich zu sein, hatte es nicht nur für eine Zwei nicht gereicht, er war sogar in seinem Mathe-Test auch an der Note Drei vorbeigeschrammt. Und das in der dritten Klasse der Grundschule. Ich seufzte einmal tief durch und streichelte ihm über den Kopf. Wie könnte ich ihm böse sein? Emil war heilfroh über meinen Gesichtsausdruck und flitzte raus zum Spielen. Ich blieb drinnen und schaute ihm nach.

Im Kindergarten hatte ihm Rechnen so viel Spaß gemacht und er kannte alle Zahlen bis 20 – sogar auf Englisch. Nicht, dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht. Emil ist ein guter Schüler, aber er hat seine Hochs und Tiefs und insgesamt würde man ihn deshalb wahrscheinlich als durchschnittlich guten Schüler einschätzen.

Bin ich es mir selbst schuldig, dass ich meinen Sohn fördere?

Auch im Sport ist es ähnlich. Im Tennis ziehen einige Jungs an Emil vorbei und spielen schon in der nächsthöheren Spielklasse. Sie werden vom Trainer gefragt, ob sie der Mannschaft bei Miniturnieren helfen können. Mein Junior soll weiter an seiner Vorhand arbeiten. Gut, die ist verbesserungswürdig. Einen kleinen Stich versetzt es mir aber schon, wenn ich die Kinder von Freunden sehe, die in der Jugendmannschaft spielen und ein Match nach dem anderen gewinnen. Bei ihnen wirkt alles so leicht, so ungezwungen, so selbstverständlich. Und ich habe mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich Emil mehr fördern müsste, damit er mit Gleichaltrigen mithalten kann. Bin ich ihm das nicht schuldig und mir als Mutter? Habe ich nicht versagt, wenn ich meinen Sohn nicht auf ein anderes Niveau hole?

Kinder brauchen nicht die Erwartungen der Eltern erfüllen

Der Berliner Wissenschaftler Christoph Josef Ahlers hat in seinem Buch „Himmel auf Erden und Hölle im Kopf“ (Goldmann Verlag, 448 Seiten, 19,99 Euro) eine andere Meinung. Er warnt davor, Kinder nicht als Mittel zur Selbstverwirklichung zu sehen. Bei einigen Paaren würde das Kind zum Status werden, das die Eltern emotional aufbauen solle. Aber genau das werde dem Kind nicht gerecht. „Je weniger Bedürfnisse und Erwartungen ein Kind aber erfüllen muss, desto besser und gesünder für seine Entwicklung. Ein Kind kommt nicht zur Welt, um die Identität der Eltern zu stabilisieren“, schreibt Ahlers in seinem Buch.

Bei Emil standen mein Mann und ich vor einer schwierigen Entscheidung, als wir eine Grundschule aussuchen sollten. Die Nächstgelegene bietet eine bilinguale Klasse an, die sogenannte E-Klasse. „E“ wie Englisch. Der Stundenplan sieht jeden Tag eine Stunde Englisch vor und zweimal wöchentlich Sachkunde auf Englisch. Die gesamte Klasse bleibt jeden Tag bis 15 Uhr im Klassenverbund, erledigt gemeinsam die Hausaufgaben und lernt so spielerisch die Sprache. Anfangs lief der Unterricht bestens. Mit der Zeit wurde Emil aber ohne offensichtliche Gründe immer bedrückter, wollte morgens nicht zur Schule, die Aufgaben schaffte er nicht mehr während der ausreichenden Lernzeiten und er fiel von Woche zu Woche weiter ab. Und die gesamte Familie wurde immer angespannter. Je näher es aufs Wochenende zuging, desto höher stieg der Stresspegel. Hatte er alle Aufgaben in der Schule geschafft? Wenn nein, waren die Wochenenden auf das Üben und Nacharbeiten ausgerichtet, was immer mehr zu einem großen Krampf ausartete und wir uns irgendwann gefrustet anbrüllten. Warum schafften denn die anderen Kinder die Anforderungen? Die Spirale begann sich immer weiter zu drehen. Einmal sagte mein Sohn: „Ich möchte lieber tot sein, als zur Schule zu gehen“. So konnte es nicht weitergehen. Andererseits – was würde aus ihm werden, wenn er die Anforderungen jetzt schon nicht schaffen würde? Sollten wir deshalb bei einer harten Linie bleiben?

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat einmal in einem Interview für „Spiegel Online“ gesagt, dass Machtdemonstrationen in der Erziehung nicht gut seien. Es gehe vielmehr darum, persönliche Maßstäbe und Überzeugungen vorzuleben.

Was will ich meinem Sohn vorleben?

Also, was waren meine Überzeugungen? Wollte ich, dass mein Sohn Englisch lernt oder dass er glücklich ist und gern zur Schule geht? Mittlerweile ist er in die Parallelklasse ohne den Englisch-Schwerpunkt gewechselt. Die Noten sind zwar nur minimal besser geworden, aber er schafft das Pensum und die Wochenenden sind wieder frei für Familie und Freunde. Er ist jetzt ein anderes Kind. Und ich bin eine andere Mutter. Unser Verhältnis hat sich deutlich verbessert, denn ich habe akzeptiert, dass er so ist, wie er ist und so lernt, wie er lernt. Wir werden sehen, was aus ihm wird. Denn auch wenn er kein Überflieger ist, kann er ohne Abitur Profifußballer, Literaturnobelpreisträger oder Außenminister werden. Muss er aber nicht. Und ich muss auch nichts.

Autorin: Susanne Jacobs

 

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