Alles auf Anfang: Wie die berufliche Neuorientierung mit 40 gelingt

Gesundheit & Wellness
9/01/2020
Vom Controlling im großen Konzern zur Kreativität: Diese Frau hat den Neuanfang gewagt und lebt heute ihren Traum. Hier sind ihre Tipps.

Maria Luisa Engels sitzt in der Patisserie direkt am Fenster. Vor sich: ein Zitronenbaiser-Törtchen und ein Tag voller Wünsche und Versprechungen. Sie plaudert mit der Cafébesitzerin, lacht ein über alle Zweifel erhabenes Lachen, spielt mit einer blonden Haarsträhne, ihren Daumen ziert ein blauer Farbspritzer. Besucher blicken verstohlen aus den Augenwinkeln, andere schauen ganz direkt. Die zierliche Frau gehört zu den Menschen, die man gerne in seiner Nähe hat, in der Hoffnung, etwas von dieser Lebensenergie möge auf einen selbst überspringen. Ein kleiner Zipfel würde schon reichen. Sie ist eine der Frauen, die etwas geschafft haben, was viele sich wünschen: eine berufliche Neuorientierung mit 40.

Business-Lunch statt Kaffeepause

"Es ist nicht lange her, da kannte ich hier kaum jemanden", erzählt sie wenig später und lupft die zuckersüße Haube vom Törtchen. "Nachbarn habe ich höchstens aus der Ferne gegrüßt, wenn ich abends vom Auto zu meiner Wohnung gelaufen bin." Bis vor einem Jahr war statt Kuchen im Kleinstadt-Café zur Mittagszeit Business-Lunch angesagt. Im besten Fall. Wahlweise auch ein Meeting oder eine Präsentation. Als Controllerin bei einem internationalen Automobilkonzern trug sie die Verantwortung für die Zahlen, die das Unternehmen den Steuerbehörden vorzulegen hat – unzählige Zifferkolonnen und 12-Stunden-Tage inklusive. "Ich habe meine Arbeit geliebt, ich war mit ganzem Herzen dabei", sagt sie. Für solche Momente inbrünstiger Bekundungen hat sich die gebürtige Spanierin einen kleinen Rest ihres heimischen Akzents bewahrt, sodass die Zungenspitze den wichtigen Muskel in ein "Herrrz" verwandelt.

"Es fühlte sich an, als stecke mein Leben in einem starren Rahmen fest."

Die ersten leichten Zweifel schlichen sich fast unbemerkt ein. Vielleicht irgendwann abends beim Aufschließen der Wohnungstür oder beim Verlassen des Hauses im Morgengrauen. "Es fühlte sich an, als stecke mein Leben in einem starren Bilderrahmen fest. Das Motiv: recht eintönig." Sie beginnt, sich kleine Inseln zu schaffen, neue Entfaltungsspielräume zu erkunden. Mal lädt sie Kollegen in der Mittagspause zu Meditationen ein, mal zum Tanzkurs am Rande einer firmeninternen Sportveranstaltung. Privat beginnt sie wieder zu malen – und weckt damit eine Leidenschaft, die sie hatte ruhen lassen, seit sie 1994 nach dem Studium nach Deutschland kam, um Karriere zu machen. Sie malt realistische Motive mit kräftigen Farben, experimentiert mit Strukturpaste, um dem Bild eine dreidimensionale Wirkung zu verleihen. Die Lust, Leinwände zu füllen statt Excel-Tabellen, wird immer größer. Doch es gibt in diesem Lebensabschnitt eine andere Sache, die ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordert. Ihre Ehe beziehungsweise deren Ende.

Berufliche Neuorientierung mit 40: Der Anfang ist gemacht

Jeder, der eine Scheidung durchgemacht hat, weiß, wie schwierig das ist. Eine emotionale Achterbahnfahrt. Heute sagt sie: "Es ist gut so, wie es ist." Aus der Partnerschaft wurde ein respektvolles Miteinander. Die Wohnung ihres Ex-Mannes ist nur wenige Hundert Meter von ihrer entfernt. Auch wegen der beiden Kinder, inzwischen 16 und 14 Jahre alt. Sie richtet sich in ihrem neuen Leben ein und beginnt sich Freiräume zu schaffen. Erste Ausstellungen ihrer Bilder und die Resonanz darauf beflügeln sie. "Ich merke, wie gut es mir tut, wieder kreativ zu sein." Der Gedanke, den Job zu kündigen, stellte sich vor allem aus finanziellen Gründen nicht. Doch das änderte sich vor einem Jahr. Der Automobilkonzern, bei dem sie inzwischen seit mehr als 20 Jahren tätig war, schnürte ein Abfindungsprogramm für Mitarbeiter. "Ich rechnete die Summe aus, die mir zustand – ab diesem Moment hatte ich keine Ausrede mehr." Doch Geld ist nicht alles und etwas zu beenden ist leichter als zu ergründen, was als Nächstes kommen könnte. Der nahende 50. Geburtstag machte es nicht einfacher. "Ich sprach mit Freunden und der Familie, wälzte Ideen und verwarf sie wieder." Am Ende überlagerte eine Frage alle aufkommenden Bedenken: "Wie werde ich mich fühlen, wenn ich es nicht wage?" Die Antwort: "Mies." Also tut sie es. Sie kündigt. Und nur wenige Wochen später startet sie in einen neuen Lebensabschnitt mit einer beruflichen Neuorientierung mit 40 und lädt zu ihrer ersten Art-Party ein – einer Veranstaltung, bei der Teilnehmer in kleinen Gruppen und unter Anleitung der Künstlerin ein eigenes Bild auf die Leinwand bannen können.

Frau malt eigenes Bild auf die Leinwand

Wichtige Soft Skills: "Kreativität und Teamgeist"

Es läuft gut, immer mehr Besucher kommen zu den Kunstabenden. Doch das ist nur ein Anfang, ein Baustein. Die Unternehmerin hat weitere Pläne. Sie weiß aus ihrer Zeit im Konzern, dass sich die Arbeitswelt in einem beispiellosen Wandel befindet. In der Automobilindustrie etwa sind es Elektromobilität und Autonomes Fahren, die dafür sorgen, dass sich eine Branche neu erfinden muss. "An die Mitarbeiter werden komplett neue Anforderungen gestellt", skizziert sie ihre Erfahrungen. "Die neuen Soft Skills, die alle mitbringen müssen: Kreativität und Teamgeist." Um diese Idee in ein Geschäftsmodell zu gießen, besucht Engels Treffen von Frauennetzwerken in der Rhein-Main-Region. Dort trifft Sie andere Frauen, die einen beruflichen Neuanfang mit 40 gewagt haben. Außerdem führt sie Gespräche mit Vertretern von Unternehmen, um zu erfahren, wo deren Probleme liegen. Denn die Dienstleistung, die ihr vorschwebt, sieht keine Palette an Angeboten vor, die sie im stillen Kämmerlein erarbeitet – sie möchte Lösungen offerieren.

Maßgeschneiderte Team-Events und Workshops

Creativity4Success nennt sie ihre zweite Unternehmung, die genau das leisten soll – die Kreativität bei Mitarbeitern wecken. Mithilfe von Kunst, mit maßgeschneiderten Team-Events, Workshops und Trainings. In den USA – besonders rund um das Silicon Valley – gibt es bereits Anbieter, die damit erfolgreich sind. Der Testlauf für Maria Luisa Engels war ein Treffen von Mitgliedern einer renommierten internationalen Organisation. Akribisch hat die Gründerin den Workshop konzipiert und durchgeführt – am Ende entstand ein riesiges Puzzle-Kunstwerk: "Es war großartig!" Die Erfahrung zeigt ihr, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Um das Konzept weiter zu verfeinern, hat sie sich Mentorinnen gesucht. Erfahrene Unternehmerinnen, die ihr zur Seite stehen, die ihr Impulse geben, sie zwingen dranzubleiben.

Bereichernde Tage ohne starren Rahmen

Das Törtchen ist inzwischen Vergangenheit. Nicht ohne sich innig bei der Cafébesitzerin zu verabschieden, verlässt die Neu-Unternehmerin eingemummelt in einen Schal das Café, schlendert Richtung Kurpark, vorbei am prachtvollen Hundertwasser-Ensemble. So wie der Architekt keine geraden Linien mochte und seine wunderbar verspielten Gebäude schuf, hat auch Maria Luisa Engels ihrem Leben die richtige Wendung gegeben. Wenn sie heute ein Bild davon malen würde? "Es wäre eines mit satten, vollen Farben und ohne starren Rahmen. Meine Tage sind heute vielleicht herausfordernder, aber eben auch bereichernder."

Neuanfang

Empfehlungen für alle, die mit einer beruflichen Neuorientierung ab 40 liebäugeln

  • Ein Buch, das inspiriert: Mit 33 schmiss der Unternehmensberater hin und begann eine Weltreise auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – inzwischen ist John P. Strelecky Bestsellerautor und inspiriert Menschen weltweit, ihre Ziele zu finden. In seinem Buch "Big Five for Life" gibt er eine Anleitung, wie man sich den großen Träumen im Leben widmet (265 Seiten, dtv-Verlag).
  • Ein Netzwerk, das unterstützt: Vom Businessplan bis zur Altersabsicherung – der Weg in die Selbstständigkeit führt an finanziellen Fragen nicht vorbei. Die "Weiberwirtschaft" hat sich auf die Beratung von Frauen spezialisiert. Die Genossenschaft ist das größte Zentrum für Gründerinnen in Europa, jedes Jahr lassen sich hier 2.500 Interessierte beraten. http://weiberwirtschaft.de/
Hier hat Maria Luisa Engels wichtige Impulse und wertvolle Unterstützung erhalten:
  • Frauen-Netzwerke wie die Frankfurter Business Professional Women gibt es in vielen Städten, auch über Xing und Facebook. Man unterstützt sich, tauscht Erfahrungen aus. Und ganz wichtig: knüpft Kontakte.
  • Mentoring: Erfahrene Unternehmerinnen und die, die es werden wollen, kommen zusammen. Es ist ein Austausch in kleiner Gruppe und man erhält den wichtigen „Blick von außen“.
  • Retreat-Urlaube – "Ich plane feste Auszeiten ein, einen Rückzug aus dem Alltag", sagt die Künstlerin. "Ein Neuanfang bedeutet auch, sich persönlich weiterzuentwickeln. Man braucht diese Zeit, um sich selbst zu reflektieren."

So kann ein Coaching beim Neuanfang helfen

Susanne Schwarz ist Visionsexpertin. Ihre Profession ist es, andere dabei zu unterstützen, die eigenen Stärken und Talente zu erkennen – und zu nutzen.

In welcher Situation kommen Frauen zu Ihnen?
Viele sind Anfang, Mitte 50. Es ist eine Zeit, in der man Freiräume gewinnt und wieder genauer hinschaut: Was will ich vom Leben? Möchte ich noch mal etwas Neues wagen? Das können berufliche, aber auch private Aspekte sein. Man spricht zunächst mit Freunden darüber, den Kollegen, dem Partner. Am Ende hat man ein verheddertes Knäuel an Ideen und Fragen im Kopf. Hier komme ich ins Spiel.

Was ist Kern eines Coachings?
Es ist ein methodischer Prozess, der auf vertrauensvollen Gesprächen basiert – am besten persönlich, aber auch per Telefon oder Skype.

Was erwartet mich – und was darf ich nicht erwarten?
Ich nehme keine Aufgaben ab. Aber ich eröffne jedem Wege, die offenen Punkte selbst zu erledigen, neue Wahlmöglichkeiten im Denken und Handeln zu erkennen und zu nutzen. Zu Beginn steht eine Analyse. Also welche Werte und Bedürfnisse habe ich, welches Maß an Freiheit oder Sicherheit brauche ich? Und ganz wichtig, wenn es um die berufliche Neuorientierung geht: Welche Fähigkeiten bringe ich überhaupt mit?

Wie finde ich heraus, welche Talente in mir schlummern?
Auch hier ist Methode gefragt. Fragebögen können dabei helfen. Auch die Vergangenheit kann inspirierend sein. Dinge, die einem als Teenager wichtig waren, sind oft ein guter Anhaltspunkt.

Was ist die größte Herausforderung während des Prozesses der Neuorientierung?
Viele sind zu ungeduldig. Veränderung braucht Zeit. Und es lässt sich nicht alles auf einmal ändern. Es hat ja auch viele Jahre gebraucht, um den Weg, mit dem man jetzt nicht mehr zufrieden ist, zu beschreiten. Außerdem rufen Veränderungen immer Ängste hervor. Als professioneller Coach gebe ich Anleitungen, die helfen, mit diesen Ängsten umzugehen.

Steht am Ende immer eine Veränderung?
Meistens schon. Menschen, die zu mir kommen, sind in der Regel mit etwas unzufrieden. Sie wollen etwas ändern. Ein Coaching schafft Raum, Klarheit zu gewinnen. Nicht jeder wird Yoga-Lehrer auf Bali. Aber es kommt vor. Manchmal sind es auch kleinere Veränderungen, die positive Impulse setzen. Ein Ehrenamt etwa oder ein neues Hobby.

Susanne Schwarz
Susanne Schwarz lebt und arbeitet in Berlin. Sie war Personalleiterin, ehe sie mit Mitte 40 eine neue Lebensvision entwickelte. Inzwischen ist sie seit drei Jahren als Systemischer Coach tätig.

www.susanne-schwarz.berlin


Wie sieht es bei Ihnen aus? Planen auch Sie eine berufliche Neuorientierung mit 40 oder ist es Ihnen schon gelungen? Verraten Sie es uns in den Kommentaren!



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