„Blasenschwäche ist ein Volksleiden“

„Blasenschwäche ist ein Volksleiden“

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Im Interview spricht die Gynäkologin Prof. Dr. Dr. Elisabeth Merkle über Ursachen, Formen und Behandlungsmöglichkeiten von Blasenschwäche.
Die Schwäche betrifft wesentlich mehr Menschen als angenommen: Im Interview spricht die Gynäkologin Prof. Dr. Dr. Elisabeth Merkle über die Ursachen, Formen und Behandlungsmöglichkeiten von Blasenschwäche. Die gynäkologische und wissenschaftliche Beraterin von Always Discreet gibt mit ihrem fundierten Wissen und ihrer Praxiserfahrung wertvolle Ratschläge und Experten-Tipps. 

Frau Prof. Dr. Dr. Merkle, was bedeutet es für eine Frau, von Blasenschwäche betroffen zu sein?

Frauen fühlen sich durch ihre Blasenschwäche häufig sehr in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Sie haben Angst, dass Familie, Freunde und auch Fremde bemerken könnten, dass sie hierunter leiden. Daher ist leider häufig zu beobachten, dass diese Frauen sich zurückziehen. Sie tragen nur noch dunkle weite Kleider in der Hoffnung, dass dann ihre Inkontinenz nicht bemerkt wird. Natürlich führt dies oft dazu, dass sie sich insgesamt nicht mehr wohl fühlen und sich sogar älter fühlen als sie eigentlich sind. 

Wie tiefgreifend kann die Schwäche das Leben beeinflussen?

Sehr. Frauen meiden häufig soziale Kontakte, treffen sich nicht mehr mit Freunden, gehen nicht mehr ins Café, Restaurant oder Theater und vermeiden sportliche Aktivitäten. Auch ein längerer Stadtbummel oder gar eine weitere Reise werden gemieden. Es besteht die Angst, nicht rechtzeitig eine Toilette aufsuchen zu können, unangenehm zu riechen oder Urin zu verlieren, wobei die Umgebung dies bemerken könnte. Des Weiteren treten auch häufig sexuelle Probleme in der Partnerschaft aufgrund der Angst vor ungewolltem Urinverlust auf. Die Unbefangenheit geht oft verloren und körperliche Nähe wird vermieden. Viele Frauen wissen auch nicht, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind und dass sie sich selbst helfen und professionelle Hilfe erhalten können.

Nach Angaben einer GFK-Befragung im Auftrag von P&G sind acht bis zehn Millionen Frauen von Inkontinenz betroffen – überraschen Sie diese hohen Zahlen?

Nein, Blasenschwäche ist sehr häufig, man kann sie als Volksleiden bezeichnen. Trotzdem wird sie im Allgemeinen verschwiegen und sehr viele Frauen sind überrascht, wenn sie erfahren, wie verbreitet diese Erkrankung ist. Dass sie nicht allein sind und Hilfe möglich ist. Natürlich sind auch Männer von der Harninkontinenz betroffen. Frauen leiden jedoch häufiger darunter, da ihr Beckenboden schwächer ausgeprägt ist als der des Mannes und weitere Risikofaktoren im Hinblick auf die Inkontinenz bestehen. Es ist sehr wichtig, immer wieder über Harninkontinenz in den Medien und im Internet aufzuklären, damit diese Erkrankung wie alle anderen Erkrankungen im öffentlichen Bewusstsein verankert und enttabuisiert wird.

In welchen Lebensphasen kann das Problem auftreten?

Inkontinenz kann in jeder Lebensphase, also auch schon bei sehr jungen Frauen, auftreten. Einer Studie zufolge hat jede zehnte Frau im Alter von 18 bis 29 Jahren und sogar fast jede vierte Frau zwischen 30 und 49 Jahren zumindest gelegentlich unter Inkontinenz zu leiden.


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In welcher Phase tritt sie am häufigsten auf?

Die Inkontinenz nimmt mit steigendem Alter zu. Fast 40 Prozent der 50- bis 69-Jährigen und über die Hälfte der Frauen im Alter von über 70 Jahren sind hiervon betroffen. Während aber über andere häufige Erkrankungen, wie Bluthochdruck oder Diabetes, offen kommuniziert wird, wird dieses Leiden leider immer noch verschwiegen und kommt daher in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor.

Welche Ursache hat der unfreiwillige Harnverlust?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass es unterschiedliche Formen der Harninkontinenz gibt. Die Belastungsinkontinenz führt zum Verlust meist kleiner Mengen von Urin bei körperlicher Belastung beziehungsweise Belastung des Beckenbodens, etwa beim Husten, Niesen, Treppensteigen, manchmal auch schon beim Gehen. Menschen mit Dranginkontinenz hingegen verlieren meist größere Urinmengen, manchmal geht auch schwallartig Urin ab. Diese Frauen leiden unter einem plötzlichen und nicht zu beeinflussenden Harndrang, manchmal ist auch der Urinverlust ohne vorherigen Harndrang möglich.

Lassen sich diese beiden Formen immer streng voneinander trennen?

Nein, es gibt auch die sogenannte Mischinkontinenz, bei welcher beide eben beschriebenen Inkontinenzarten gemeinsam auftreten. Auf seltenere Inkontinenzformen, wie Krankheitsfolgen, Fisteln, Lähmungen, etc. will ich hier nicht eingehen. Die Ursachen der Inkontinenz sind vielfältig und meist liegen mehrere Ursachen zugrunde. Eine Belastungsinkontinenz ist durch einen geschwächten Beckenboden bedingt. Ursachen hierfür sind der insgesamt bei Frauen schwächer ausgebildete Beckenboden, Schwangerschaften und Geburten, schwere körperliche Arbeit, Übergewicht und auch ständige Belastung des Beckenbodens durch chronische Bronchitis, etwa bei Rauchern. Die Dranginkontinenz hingegen wird durch eine überaktive Blase, die durch ständige Impulse zur Entleerung gereizt wird, verursacht. Bei beiden Inkontinenzformen spielt natürlich auch der lokale Östrogenmangel nach den Wechseljahren eine Rolle.

Wenn ich mich dafür entscheide, Hilfe zu suchen – wie läuft das ab? Wie wird Blasenschwäche diagnostiziert?

Vor Festlegung einer Behandlungsstrategie erfolgt ein ausführliches Gespräch mit der Patientin durch den Arzt, die Ärztin. Bei dieser Anamnese wird eruiert, bei welchen Gelegenheiten Urinverlust besteht, wie häufig er auftritt, ob große oder kleine Mengen Urin abgehen, wie lange die Symptome schon bestehen und wie hoch der Leidensdruck ist. Auch Begleiterkrankungen und Medikamenteneinnahme werden erfragt. Es erfolgen anschließend eine Urinuntersuchung, eine gynäkologische Untersuchung mit Beurteilung des Beckenbodens sowie weitere Spezialuntersuchungen, wie Ultraschall, Messung des Blasendrucks und so weiter.

Welche gängigen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Sobald das Ergebnis der Untersuchungen vorliegt, kann der Arzt mit der Patientin die Diagnose und die Behandlungsmöglichkeiten besprechen und mit ihr gemeinsam eine Strategie festlegen. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass die Betroffene sich vor einer Entscheidung die Vorschläge in aller Ruhe überlegen kann. Blasenschwäche und Inkontinenz werden immer zuerst konservativ behandelt. Die Angst vieler Frauen, dass sie sich sofort einer Operation unterziehen müssen, ist also unbegründet.

Wie sehen die konservativen Methoden aus?

Dazu gehört die Beckenbodengymnastik, die den Beckenboden kräftigt. Diese kann bei Bedarf durch „Feedback“ unterstützt werden, die Patientin erhält durch ein spezielles Gerät Rückmeldung, ob die Aktivierung des Beckenbodens erfolgreich war. Auch ein Miktionstagebuch, aus welchem die Häufigkeit der Blasenentleerung tagsüber und auch nachts hervorgeht, ist hilfreich und kann als Grundlage für ein Training der Blase, also ein bewusstes Hinauszögern der sofortigen Blasenentleerung zuhause beziehungsweise im geschützten Raum, genutzt werden. Lokale Behandlung mit Östrogenen, zum Beispiel in Form von Cremes oder Zäpfchen, hilft, einen Hormonmangel nach den Wechseljahren auszugleichen und die Durchblutung zu fördern. Auch eine Therapie mit Pessaren, die in unterschiedlicher Form und Größe erhältlich sind und in die Scheide eingelegt werden können, verspricht häufig Erfolg. Natürlich ist es auch wichtig, Noxen auszuschalten, also soweit möglich Übergewicht zu reduzieren, sich das Rauchen abzugewöhnen, schweres Heben zu vermeiden oder zumindest durch Training geeignete Bewegungsabläufe einzustudieren. Bei der Dranginkontinenz kommen häufig krampflösende Medikamente, die die Überaktivität der Blase reduzieren, zum Einsatz.  

Wenn die konservativen Methoden keinen Erfolg bringen, steht am Ende die Möglichkeit einer Operation …

Ja, sollte eine operative Behandlung nach Ausschöpfen aller konservativen Methoden sinnvoll erscheinen, so gibt es auch hier vielfältige Möglichkeiten der Operation, die sich unter anderem nach dem anatomischen Befund und den Untersuchungsergebnissen richten. Sie reichen von Bandeinlagen über Schlingenoperationen, Behandlung von Senkungszuständen, Einspritzen von Medikamenten in die Harnröhre bis zu Sonderformen der operativen Therapie.

Welche praktischen Mittel und Wege empfehlen Sie, um mit Inkontinenz im Alltag umzugehen?

Sehr wichtig erscheint mir, dass die Betroffene sich selbst akzeptiert, Selbstvertrauen entwickelt und sich durch die Inkontinenz nicht in ihren Aktivitäten beeinflussen lässt, sondern weiterhin ein selbstbestimmtes Leben führt. Hierfür gibt es eine breite Palette von Verhaltensmaßnahmen und Hilfsangeboten.

Können Sie bitte Beispiele nennen?

Die tägliche Beckenbodengymnastik, hierfür reichen zehn Minuten am Tag, sollte in den Alltag integriert werden. Auch die Steuerung der Trinkmenge ist sinnvoll. Man sollte ausreichend trinken, um die Blase durch Flüssigkeitsmangel und hierdurch konzentrierten Urin nicht noch mehr zu reizen. Es erscheint aber sinnvoll, vor wichtigen Terminen die Trinkmenge etwas zu reduzieren und lieber mehr zu trinken, wenn eine Toilette aufgesucht werden kann. Auch ist allgemein bekannt, dass zum Beispiel Alkohol oder Kaffee zu stärkerem Harndrang führen als Mineralwasser oder Säfte. Manchmal hilft es auch schon, sich vor geplanten Aktivitäten zu informieren, wo die nächsten Toiletten sind. Allein das Wissen hierüber oder eine App auf dem Smartphone, auf welchem man die nächste Toilette findet, gibt Sicherheit und führt zur Entspannung.

Was ist die größte Sorge von Betroffenen?

Eine große Angst von Betroffenen besteht darin, dass andere ihre Inkontinenz bemerken. Daher ist die Verwendung geeigneter Saugeinlagen unabdingbar. Es gibt Einlagen mit unterschiedlichen Saugstärken, die zusätzlich eine Geruchsneutralisation und einen Auslaufschutz bieten. Bei stärkerer Inkontinenz, etwa bei längeren Terminen, bieten sich auch Inkontinenzhöschen an. Menstruationsbinden sind übrigens nicht geeignet, da Blut eine andere Viskosität als Urin hat und die Inkontinenzeinlagen und -höschen auch dafür konzipiert sind, in kurzer Zeit eine größere Menge Urin aufzunehmen. Sie bieten daher die größtmögliche Sicherheit und niemand in der Umgebung wird von der Inkontinenz etwas bemerken.

Kann man Inkontinenz vorbeugen?

Ja, etwa durch tägliche Beckenbodengymnastik, die auch schon für junge Frauen eine Selbstverständlichkeit sein sollte und problemlos in den Alltag integriert werden kann. Gute bebilderte Anleitungen hierzu gibt es häufig bei Frauenärzten, Urologen, Hausärzten oder im Internet. Volkshochschulen bieten auch entsprechende Kurse an, die sinnvoll sind, damit man genau weiß, welche Übungen hilfreich sind. Natürlich sollte auf die tägliche Trinkmenge geachtet werden, um die Blase nicht zu reizen. Beim Heben schwerer Gegenstände ist die richtige Technik entscheidend und soweit möglich sollte man versuchen, Übergewicht zu vermeiden, zu reduzieren und das Rauchen gar nicht erst anzufangen oder wieder aufzuhören, um unter anderem einer chronischen Bronchitis zu entgehen. Junge Frauen sollten auch nicht versäumen, nach einer Geburt Rückbildungsgymnastik bei der Hebamme oder einer Krankengymnastin durchzuführen.

Warum ist Blasenschwäche noch immer ein Tabuthema?

In den Medien und im Internet wird in der Tat im Gegensatz zu vielen anderen gesundheitlichen Themen selten über die Inkontinenz, deren Ursachen, Häufigkeit und Behandlungsmöglichkeiten sowie weitere Hilfsangebote berichtet. Ein großes Problem besteht darin, dass diese Erkrankung immer noch schambehaftet ist und es vielen Menschen daher sehr schwer fällt, darüber zu sprechen. Sofern man jedoch nicht darüber spricht und das Thema auch in der öffentlichen Wahrnehmung kaum existent ist, erfährt man auch nicht, dass so viele andere Menschen ebenfalls davon betroffen sind, dass es Hilfen gibt und dass man nicht allein ist. Natürlich ist es oft einfacher, über Bluthochdruck oder eine andere chronische Erkrankung zu sprechen als über Inkontinenz. 

Was kann jede Einzelne tun, um diesen Kreis des Schweigens zu durchbrechen?

Es ist hilfreich, sich zunächst zu überlegen, wem man sich anvertrauen will – das kann die beste Freundin oder jemand aus der Familie sein – und was man beim ersten Gespräch unbedingt als wichtig erachtet. Ist erst einmal ein Gespräch in Gang gekommen, fühlen sich viele Betroffene sehr erleichtert, erhalten viel Verständnis und können optimistischer und selbstbewusster in die Zukunft sehen.

Wie wichtig ist dieser Austausch?

Sehr wichtig. Sobald die Betroffene merkt, dass sie mit ihrem Problem angenommen wird, dass sie Verständnis erhält und dass sie sich nicht schämen muss, ist es oft leichter, unbefangener mit der Erkrankung umzugehen. So kann der Kreis der nahestehenden Personen, denen man sich öffnet, erweitert werden. Es erleichtert auch den Alltag, wenn man nicht immer in der Angst leben muss, andere könnten die Erkrankung bemerken, sondern wenn man in der Sicherheit leben kann, dass man von der Umgebung mit allen Stärken und Schwächen geliebt und akzeptiert wird. In diesem Zusammenhang ist es auch sehr hilfreich, mit einer Selbsthilfegruppe Kontakt aufzunehmen,  zu erfahren, dass man mit seinem Problem nicht alleine ist und Beistand und Hilfsangebote anzunehmen. Schließlich führen alle Gespräche letztendlich dazu, dass man sich besser annehmen kann und daher auch selbstbewusster und aktiver seine Zukunft planen kann.

Zur Person
Prof. Dr. Dr. Elisabeth Merkle ist Mitglied der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen sowie niedergelassene Frauenärztin in Stuttgart. Darüber hinaus ist sie Fachherausgeberin des proCompliance Verlags für Patientenaufklärungsbögen im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe. Sowie gynäkologische & wissenschaftliche Beraterin von Always Discreet.
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